Der Einkauf als Innovationstreiber

Kaum ein Unternehmen, das sich nicht selbst als „innovativ“ bezeichnen würde. Neue Ideen für Produkte und Prozesse sind der Schlüsselfaktor für einen langfristigen Unternehmenserfolg. Wie der Einkauf zu einer systematischen Innovationsstrategie beitragen kann.

Es gibt diese Geschichten à la Marc Zuckerberg, in denen ein einziger Geistesblitz in einen großartigen wirtschaftlichen Erfolg mündet. Aber das sind die Ausnahmen. Angesichts immer kürzerer Produktlebenszyklen und fortschreitender Technologisierung können es sich die meisten Unternehmen nicht leisten, ihren Fortschritt von glücklichen Eingebungen abhängig zu machen.

Zudem schürt die viel beschworene Industrie 4.0 die Angst vor Disruption. Als eines der Negativbeispiele gilt die Fotofilm-Firma KODAK, die die Zeichen der digitalisierten Fotografie nicht ernst nahm und Insolvenz beantragen musste. Aber: Die beste Strategie gegen Disruption ist, den Wandel, dessen Opfer man werden könnte, selbst zu gestalten und eigene Potenziale zu nutzen.

Netzwerk entlang der Wertschöpfungskette nutzen

Dazu zählt auch die Beschaffung, die wie kaum eine andere Unternehmenseinheit über ein breites Netzwerk entlang der Wertschöpfungskette verfügt – vom Rohstofflieferanten bis zum Vertriebspartner. Das Know-how dieser Partner kann wichtige Impulse sowohl für Produkte und Produktverbesserungen als auch für optimierte Prozesse senden. Im Gegenzug liefern geniale Ideen ohne dahinterstehende Supply-Chain keinen Return. Dass Innovationen die Beschaffung für die Umsetzung benötigen, ist weitgehend bekannt. Weniger ausgebaut ist die Rolle der Beschaffung bei der Generierung von Ideen. Diese außer Acht zu lassen, bedeutet wichtige Ressourcen nicht zu nutzen.

Einkäufer als Innovations-Scout

Nur: In den seltensten Fällen stolpern Einkäufer über Innovationen. Damit diese gefunden und erkannt werden, braucht es von der obersten Führungsebene einen klar definierten Auftrag.  Noch sitzt der Einkäufer viel zu selten mit am Tisch, wenn Entwicklungsziele beschlossen werden, zu deren Erreichung er beitragen könnte. Zur besseren Einbindung ist ein enger Austausch zwischen Beschaffung und interner Forschungs- und Entwicklungsabteilung vonnöten. Nur so können Synergien gehoben, interner und externer Fortschritt nicht als Konkurrenten agieren. Zudem muss der Einkäufer die eigenen Kompetenzgrenzen erkennen, um zum richtigen Zeitpunkt weitere Expertise von internen oder externen Beratern ins Boot zu holen.

Einkauf braucht einen klar definierten Innovationsauftrag

Innovationen stärken die interne Stellung der Beschaffung

Wandelt sich die Rolle der Beschaffung vom reinen Einkäufer zum Innovationstreiber, gilt es dieses durch ein Innovationsmanagement zu untermauern. Ein erfolgreicher CPO arbeitet auf Augenhöhe mit den übrigen Fachabteilungen daran, den operativen Erfolg zu maximieren und durch strategische Entscheidungen diesen dauerhaft zu sichern. Dazu zählt auch die ständige Suche nach neuen Potenzialen, die Möglichkeit neue Ideen auszutesten und aus Fehlschlägen zu lernen. Für die Beschaffung ist die Beteiligung am Innovationsprozess ein wichtiger Faktor, um die eigene Stellung innerhalb der Organisation zu stärken.

Raum und Zeit für Potenzialsuche vorsehen

Künftig werden sich viele operative Abläufe in der Beschaffung automatisieren lassen. Mitarbeiter müssen weniger klar definierte Abläufe abarbeiten, sondern im Sinne des Gesamtziels des Unternehmens agieren. Ein interdisziplinäres Zusammenspiel im Sinne der Innovationsförderung erfordert vor allem eine offene Unternehmenskultur, die den Blick über den eigenen Abteilungsrand ausdrücklich fördert. Wer „Heureka-Momente“ will, muss Mitarbeitern Zeit und Raum für kreatives Denken einräumen.

Die Zukunft wird im Team gestaltet

Unternehmerische Evolution gelingt nur im Team. Abteilungsübergreifende Workshops, die Schaffung eines offenen Versuchslabors sowie der Besuch von Messen und Seminaren können hier der Ideenfindung helfen. Zudem sollte der Einkaufsmanager durch den ständigen Austausch mit Kunden, Lieferanten und Wettbewerbern ein Gespür für Trends und Technologien entwickeln.  Dabei gilt es vier Bereiche im Auge zu behalten:

  • Performance-Innovationen – führen zu steigenden Gewinnmargen
  • Markt-Innovationen – erneuern Produkte und erhöhen die Qualität  
  • Technologie-Innovationen – beeinflussen Produktion und Portfolio 
  • Umwelt-Innovationen – wirken auf Lebenszyklus und Markenimage
     

Der Innovations-Scout im Unternehmen 

Eine weitere Möglichkeit ist die Implementierung von spezialisierten Einkäufern, deren einzige Aufgabe das Aufspüren von Innovationen ist. Diese Scouts sind vor allem Netzwerker mit guten Verbindungen zur Start-Up-Szene, zu Hochschulen und zu Private Equity-Gesellschaften. Erst wenn der Innovationseinkäufer ein interessantes Produkt oder eine vielversprechende Technologie gefunden und einer ersten Prüfung unterzogen hat, holt er den „regulären“ Einkauf oder externe Berater für eine Chancen-Risiko-Analyse mit ins Boot. 

Forward Sourcing – Lieferant übernimmt Entwicklung

Kommt ein Innovationsprojekt ins Rollen, zählt zu den Aufgaben der Beschaffung neben der klassischen „Make-or-Buy“-Frage auch eine Evaluierung,  ob Entwicklungsprojekte direkt an den Lieferanten übertragen werden können. Beim sogenannten Forward Sourcing müssen die Partner in Hinblick auf Innovationskraft und Qualität beurteilt werden. Mögliche Vorteile sind die Zeitersparnis, Kostenminimierung und ein beschleunigter Marktzutritt. Denen stehen eine Abhängigkeit vom Zulieferer sowie ein erhöhter Kommunikations- und Kontrollaufwand gegenüber.

Innovation durch Forward Sourcing

Vertrauen als Grundlage der Zusammenarbeit

Ein Forward Sourcing erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer etwa durch gemeinsame Konzepttage, Personalaustausch und einer detaillierten Prozessdokumentation.  Zudem muss sichergestellt werden, dass beide Seiten kein Know-how an Dritte weitergeben und Patent- und Urheberrechte gewahrt werden. Das kann vor allem bei grenzüberschreitender Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Rechtssystemen zu Problemen führen.

Erneuerung  als Chance für die Beschaffung

Innovationen bieten der Beschaffung eine wichtige Möglichkeit, um ihre Bedeutung innerhalb des Unternehmens zu stärken. Die Suche nach neuen Entwicklungen sollte zum Selbstverständnis eines modernen Einkäufers gehören. Manager und Mitarbeiter müssen dazu den Fokus über Kostensenkungspotenziale hinaus auf langfristige Wertschöpfung legen - ohne dabei die primäre Beschaffung zu vernachlässigen.

Vital und lernfähig dank eines modernen Einkaufs

Ein CPO, der die Rolle der Beschaffung im Innovationsprozess ernst nimmt, muss Ressourcen in Form von Mitarbeitern, Zeit und Raum bereitstellen. Dies kann durch eine interne Umstrukturierung der Abteilung erfolgen oder mit Hilfe von externen Beratern. So hilft der Einkauf aktiv, ein Unternehmen vital und lernfähig zu halten – der beste Schutz gegen Disruption.

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte den Autor Tim von der Decken.

Über den Autor

Tim von der Decken Vice President