G20-Gipfel – Beschaffung im Hickhack der Handelsordnungen

Zwar wurden in Hamburg keine Handelskriegserklärungen ausgesprochen, doch das G20-Bekenntnis zum Freihandel ist butterweich. Fünf Fragen, die sich Einkaufsmanager nun stellen müssen.  

Im Vergleich zu früheren G20-Abschlussdokumenten ist der Hamburger Konsens ein Rückschritt. „Legitime Verteidigungsinstrumente im Handel“ wurden als Zugeständnis an Trumps Abschottungspolitik in die gemeinsame Erklärung aufgenommen. Im Gegenzug lehnen die größten Industrie- und Schwellenländer Protektionismus einheitlich ab.  

China – der Kämpfer für den Freihandel?

Gipfelgastgeberin Angela Merkel hatte viel Mühe, ein gemeinsames Handelsstatement zu formulieren. „Die Weltordnung ist im Wandel und die Kräfteverhältnisse verschieben sich“, deckelte die Kanzlerin schon im Vorfeld die Erwartungen. Auf die ehemals treuesten deutschen Handelspartner ist seit Brexit und Donald Trump weniger Verlass. Stattdessen ist China auf dem G20-Gipfel erneut als Verfechter des freien Handels aufgetreten.

Neues Bündnis mit Japan 

Wohl eher ungewollt hat der US-Präsident Schwung in das Handelsabkommen Jefta zwischen der EU und Japan gebracht, die gemeinsam rund ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung ausmachen. Nach dem gescheiterten TPP-Pakt hat sich Tokio offener der EU zugewendet und Jefta wurde vor dem G20-Gipfel festgezurrt – als klares Signal Richtung Washington. 

  • Zwischen Japan und der EU sollen ab 2019 mehr als 90 Prozent der Zölle und zahlreiche regulatorische Handelshemmnisse wegfallen.

Hohe Anforderungen an den Einkauf 

Das Hickhack um Handelsordnungen bleibt dennoch bestehen. Großbritannien braucht dringend für den Post-Brexit ein neues Abkommen mit der EU. Ansonsten muss der Warenverkehr in Dover und Calais mit enormem bürokratischem Aufwand abgewickelt werden. Ob und wie Trump sein „America first“ mit Zöllen schützen will, ist ebenfalls noch unklar. 

Der G20-Gipfel in Hamburg hat für den Einkauf daher zunächst keine Entlastung gebracht. Die Risiken für eine international ausgerichtete Supply-Chain bleiben bestehen und der Einkauf muss sich für weit mehr Unwägbarkeiten wappnen als noch vor fünf Jahren denkbar gewesen sind. Fünf Fragen, die sich Einkaufsmanager jetzt stellen sollten:

1) Wie wirken sich ändernde Handelsordnungen auf den Einkauf aus?

Die USA sind Deutschlands drittgrößter Außenhandelspartner, Großbritannien liegt auf Platz fünf und Japan auf Rang 15. Modifizieren diese Länder ihre Handelsregularien sind automatisch viele Unternehmen betroffen. Noch ist ungewiss, wie sich Brexit und Jefta konkret auf die Geschäfte auswirken. Aber sobald die Antworten feststehen, muss die Anpassung schnell vollzogen sein. Daher muss der Einkauf jetzt seine Vorarbeiten leisten. 

  • Die Supply-Chain muss agiler werden, um sich flexibler anzupassen.

2) Wo sind meine Abhängigkeiten?

Die Basis für jede Anpassungsstrategie liegt in der Transparenz der kompletten Wertschöpfungskette. Dazu müssen zunächst die Abhängigkeiten und Einflussfaktoren erkannt werden, um kritische Stellen zu markieren. Dazu zählen: 

  • Welche Waren oder Dienstleistungen werden aus Change-Ländern bezogen?
  • Wie werden grenzüberschreitende innerbetriebliche Leistungen verrechnet?
  • Wo sind Mitarbeiter mit welchen Aufenthaltsstatus eingesetzt?
  • Welche Geschäfte basieren auf welchen rechtlichen und steuerlichen Richtlinien, die sich demnächst ändern könnten?
  • Wie beeinträchtigen Subventionen und Zölle die Wettbewerbsfähigkeit von Zulieferern?

 3) Welche Szenarien sind möglich?

Sind Schwachstellen – aber auch Chancen – der Supply-Chain offengelegt, müssen Einkaufsmanager potenzielle Szenarien evaluieren. Da derzeit beim Brexit noch nicht ersichtlich ist, wie die Verhandlungen ausgehen, bereiten sich viele Einkaufsmanager zunächst „auf das Schlimmste vor“.  

  • Reine Worst-Case-Szenarien implizieren in der Regel die höchsten Kosten und können die komplette Lieferkette – möglicherweise unnötig – verschieben. 

Auch das Freihandelsabkommen Jefta wird viele Wertschöpfungsketten verifizieren. Der Chance auf günstigere Beschaffungspreise durch den Abbau von Zöllen steht die Gefahr neuer Konkurrenten gegenüber. Die Einkaufsberater von Efficio helfen dabei, realistische Szenarien aufzustellen und zu bewerten. Mit dem Efficio-Best-Cost-Country können Kostenvorteile erkannt und Risiken minimiert werden.

4) Welche Faktoren müssen berücksichtigt werden?

Je nach zugelassenem Wettbewerb sind nicht nur die Einkaufspreise einer Gesellschaft betroffen. Die Beschaffung muss auch Anpassungskosten bei Steuern, konzerninternen Verrechnungen, E-Commerce-Richtlinien, Arbeitsrecht und Arbeitnehmerfreizügigkeit, Datentransfer und Datenschutz mit einbeziehen. Dadurch wird der Druck auf die Supply-Chain tendenziell erhöht, an anderer Stelle Einsparungen zu realisieren.

5) Wie müssen Partnerschaften geschlossen werden?

Nicht nur die Neuordnung des Welthandels, auch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Virtual Reality machen aus CPOs wahre Change-Manager. Langfristige Lieferantenverträge zur größtmöglichen Kosteneinsparung sind derzeit nicht angesagt. Vielmehr müssen Partnerschaften so angelegt werden, dass sie schnell in den Beschaffungsprozess integriert oder extrahiert werden können, wenn Technologie und Umwelt dies einfordern. 

Fazit: Der beim G20 erzielte Minimalkonsens lässt viel Interpretationsspielraum. Einkäufern bleibt derzeit nicht mehr übrig als ihre Businesspläne auf der Basis von vielen Fragezeichen aufzustellen, welche nur schrittweise in die Realität überführt werden können. Die Einkaufsberater von Efficio können Sie dabei unterstützen, Ihre Beschaffung sicher und effizient durch volatile Zeiten zu manövrieren.

Über den Autor

Tim von der Decken Vice President

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